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Keine Stimme für „Wir wollen lernen“

26. Oktober 2009 admin 5 Kommentare

Untenstehend eine aktuelle Presseerklärung der Fachschaftsräte Erziehungswissenschaft zur Kampagne „Wir wollen lernen“. Diese ist auch in Form eines Flugblatt zur Presseerklärung verfügbar.

Keine Stimme für „Wir wollen lernen“

Mit der Kampagne „Wir wollen lernen“ wird per „Volksbegehren“ versucht, die von der schwarz-grünen Landesregierung initiierte Reform der Hamburger Schulstruktur aufzuhalten. Jegliche Tendenz zum längeren gemeinsamen Lernen oder gar der Überwindung des mehrgliedrigen Schulsystems soll schon im Keim erstickt werden. Initiator der elitären Kampagne ist Hobby-Pädagoge Dr. Walter Scheuerl, seines Zeichens Rechtsanwalt bei der Großkanzlei Graf von Westphalen aus Blankenese und Elternsprecher an einem Hamburger Gymnasium.

An die Stelle einer fundierten kritischen Auseinandersetzung bspw. mit dem Für und Wider der Sortierung von Kindern auf verschiedene Schulformen, setzen die wohlbetuchten Macher Geld. Extra für die Kampagne wurde die Firma „Frank Solms Nebelung Consulting“ engagiert, ihres Zeichens „Gesellschaft für Krisen- und Veränderungskommunikation“, und ein Kampagnenbüro in  bester Innenstadtlage eröffnet. Mit einem Volksbegehren als demokratisches Engagement der Bevölkerung hat das nur wenig zu tun.

Mit einer kalkulierten Mischung aus Panikmache und völlig haltlosen Behauptungen betreiben Scheuerl & Konsorten billige Propaganda um ihr soziales Bildungsprivileg  in Form des Heiligtums Gymnasium zu retten.

So wird z.B. in einer ekelhaften Verdrehung von Tatsachen propagiert, dass die Einführung von Stadtteilschulen die soziale Spaltung in der Stadt verschärfen würde. Das mehrgliedrige Schulsystem wird zugleich als Ausdruck erhaltenswerter „Bildungsvielfalt“ dargestellt. Dabei ist in einer Vielzahl von Studien nachgewiesen worden, dass das deutsche Schulsystem eben wegen seiner Mehrgliedrigkeit weltweit eines der sozial selektivsten ist. Bereits die PISA-Studien hatten belegt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasiumbesuchs für ein Akademikerkind in Deutschland etwa siebenmal so hoch wie jene eines Facharbeiterkindes ist. (Selbst bei gleicher individueller Lese- und Mathematikkompetenz betrug dieses Verhältnis noch 4 zu 1.) In seinem Bericht als UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung, stellte Vernor Muñoz 2007 fest, dass die frühe Selektion im deutschen Schulsystem sowieso schon benachteiligte Kinder zu doppelt benachteiligten macht. Kinder aus sozial schlechter gestellten Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Behinderungen werden systematisch benachteiligt und diskriminiert. Diese massive Ungleichheit als Bildungsvielfalt zu rechtfertigen, ist schlicht zynisch!

Hier scheint die High Society angesichts einer Zusammenlegung der Schülerinnen und Schüler verschiedener Lernstufen und sozialer Herkunft geradezu angewidert zu sein. Aber diese Reaktion hat Tradition: Schon 1920 war die Einführung der gemeinsamen Grundschule an Stelle der von vornherein geteilten Vorstufen der Volksschule und des Gymnasiums mit viel Widerstand aus der elitären Schicht verbunden.

Die Überwindung des bestehenden Schulsystems hin zu einem inklusiven Schulsystems, in dem sich SchülerInnen in solidarischen Lernformen gegenseitig in der Entwicklung unterstützen und nicht aufgrund von scheinobjektiven Leistungsunterschieden selektiert werden, ist dringend erforderlich. Der Schritt, der mit der aktuellen Schulreform in Hamburg getan wird, ist zwar letztlich ein halbherziger Kompromiss zwischen CDU und GAL, bleibt aber ein – wenn auch unzureichender – Schritt in eine pädagogisch sinnvolle Richtung. Die Forderung der Initiative „Wir wollen lernen“ nach Konservierung des Status Quo gilt es daher entschieden zurückzuweisen.

Die Fachschaftsräte Erziehungswissenschaft rufen daher dazu auf, der Kampagne „Wir wollen lernen“ keine Stimme zu geben und sich auf allen Ebenen für die Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems einzusetzen.

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5 Kommentare

  1. Pingback: Ratzplast
  2. Martina Juhnke sagt:

    Man merkt, dass Sie noch keine Lehrer sind und wahrscheinlich auch noch keine Kinder haben – wer selbst betroffen ist, sieht viele Dinge plötzlich ganz anders. Und wer (wie von Irene Riedel zutreffend beschrieben wurde) einmal längere Zeit vor einer Klasse gestanden hat, in der ein Schüler 2, andere aber 20 Minuten brauchen um etwas zu verstehen oder auszuführen weiß, wie schwierig und oft sogar unmöglich differenzierter Unterricht ist. Die Schwachen sind frustriert weil sie ständig die Guten vor der Nase haben und die Guten fangen irgendwann an sich zu langweilen und Blödsinn zu machen, was das Unterrichten auch nicht gerade fördert. Sicher sind Reformen nötig aber nicht so!!! Sie sollten sich statt pseudointellektuell runzuschafeln (es gibt genug Studien darüber dass diese Form des geneimsamen Lernens nicht dazu führt, dass alle besser sondern dass alle schlechter gebildet sind) lieber für bessere vorschulische Förderung einsetzen, damit nicht noch mehr Kinder eingeschult werden die noch nie einen Stift in der Hand hatten und jeden Tag 6 Stunden vorm Fernseher sitzen oder kein Wort Deutsch sprechen. Und für flächendeckende Ganztagsschulen, damit die soziale Herkunft nicht über den Bildungsabschluss entscheidet wie unsere Halbtagsschulen, in der Kinder, deren Eltern sich kümmern (können) einfach bessere Karten haben. Aber vielleicht haben Sie ja gar keine Lust, (später) nachmittags zu arbeiten?

  3. Martina Juhnke sagt:

    Ich habe mich leider zweimal vertippt – natürlich muss es rumschwafeln (statt runzuschafeln) und gemeinsamen (statt geneimsamen) heißen und bitte den Moderator, dies zu korrigieren da es mir leider nicht mehr möglich ist.
    Ich gebe zu es ist ein ziemlich provokativer Text – aber das ist Ihrer auch!

  4. Frerk G. sagt:

    Das Bildungsideal, das Bildungsideal,sehr geehrte Frau Juhnke, Sie mögen ja recht haben damit, dass man Mutter/ Vater, die Sache anders beurteilt. ABER 1. bringt einen hier vorschulische Bildung nicht weiter, denn ein Jahr mehr oder weniger bringt nichts, wenn die Kinder im sozialen Umfeld eine Fremdsprache sprechen. Der Mensch lernt in der Regel erst später sich gewählt auszudrücken. Außerdem würde eine noch weiter ausgebaute Vorschule die Zukunftsängste und den Stress der Kinder und Eltern nur noch verstärken. Dann tritt immer früher der Konkurrenzkampf ein, lassen SIE die Kinder doch auch mal Kinder sein.
    Mir persönlich ist klar, dass für eine wirkliche Bildungsreform mehr Geld nötig ist, man sollte aber jetzt nicht rückwärtsgewandt, elitär sagen, wir wollen das alles und vor allem das Gymnasium so bleibt wie es ist. Um Deutschland einen PISA- Schub zu geben brauch es nicht Eliteförderung, sondern mehr Kinder die das Abitur schaffen.
    In einer von Deutschland unterzeichneten UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen steht eindeutig etwas Gleichberechtigung und Förderung behinderter Menschen, folglich müssen selbst Geistigbehinderte in die Regelschule integriert werden.

    Und glauben Sie mir, ich weiß aus meiner Behindertensportgruppe sehr genau, dass vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen diese Menschen uns einiges voraus haben, und von denen bestimmt auch sie etwas lernen könnten.

    Man sollte also nicht eine „Wir sind dagegen Reform“ starten, wie die Personen um Herrn Scheuerl, sondern sollte mehr Geld fordern um eine bessere und integrative Bildung herbeizuführen.

    Man sollte überlegen, ob ein offenerer, jahrgangsübergreifender Unterricht nicht bestens für die Förderung aller Kinder wäre. Dafür brauch es natürlich GELD, GELD, GELD und es ist eine hohe Belastung für die Lehrer während der Umstellung, aber es ist wohl der einizige Weg mit mehr Personal, mehr Kinder zur Hochschulreife zu bringen.
    P.S.: Sehen sie sich mal die Zahlen der Gesamtschulchüler an und vergleichen sie die Zahlen der Schüler mit gymnasialer Empfehlung mit den Zahlen der Schüler, die später Abitur machen. Das ist gibt ein sehr gutes Zeugnis für die Gesamtschulen und ihr längeres gemeinsames Lernen.

  5. Marius sagt:

    Lieber Frerk G.,
    es ist das Vorrecht der Jugend, Radikales aber gleichzeitig Unrealistisches zu fordern. aus der Sicht eines 52-jaehrigen vierfachen Vaters aus Wilhelmsburg sieht die Welt jedoch anders aus als aus der Sicht von Paedagogikstudenten.
    Zur wissenschaftlichen Korrektheit gehoert, dass man nicht alles ueber einen Kamm schert, sondern richtig zuordnet und in die richtige Relation setzt. Deshalb: schauen Sie sich bitte genau die Schullandschaft an der Stelle genau an, fuer welche Sie den Robin Hood spielen moechten. Da ich selbst Wilhelmsburger bin, lade ich Sie herzlich ein, hier die Situation wissenschaftlich zu analysieren.
    Von den 6740 Schuelern der Elbinseln Wilhelmburg-Veddel besuchen lediglich 740 das Gymnasium – also knapp 11%. Dabei ist die Gymnasialquote seit den 70-ern staendig gestiegen. Die Schullandschaft hier wird von Gesamtschulen dominiert. Mit anderen Worten: 90% der hiesigen Schueler haben seit mindestens 3 Jahrzehnten ein „langes gemeinsames Lernen“. Man kann Wihlemsburg quasi als Langzeit-Feldversuch betrachten, welche Wirkung das „lanegere gemeinsame Lernen“ in der Praxis hat.
    Sie werden enttaeuscht und ueberrascht bei der Betrachtung der Ergebnisse sein. Offenbar spielt hier das „laengere gemeinsame Lernen“ ueberhaupt keine Rolle. Folglich kommt es auf andere Massnahmen an: etwa bessere Lehrer oder kleinere Klassen.

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