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Offener Brief zur asynchronen Lehre im Seminar „Grundlagen individueller Entwicklungsprozesse“

24. Februar 2022 admin Keine Kommentare

Wir, Studierende der Erziehungs- und Bildungswissenschaft, belegten dieses Semester (Wintersemester 21/22) die für das dritte Fachsemester angesetzte Veranstaltung „Grundlagen individueller Entwicklungsprozesse“. Wir möchten diesen offenen Brief nutzen, um konstruktive Kritik an der Seminarkonzeption zu üben. Die Grundlage unserer Kritik ist ein Verständnis von Bildung, die wir uns in den ersten Semestern des Studiums angeeignet haben. Dieses Bildungsverständnis entspricht dem Leitbild universitärer Lehre der Universität Hamburg sowie den Grundlagen der Erziehungswissenschaft und setzt Austausch, inhaltliche Diskussion und eine kritische Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten für einen nachhaltigen Bildungsprozess voraus. Die Veranstaltung wurde durch die asynchrone Durchführung über Openolat nicht den Ansprüchen eines Seminars als interaktives Lehrformat mit Raum zu Austausch und Diskussion gerecht. Stattdessen entsprach die Veranstaltung einer Ringvorlesung mit unzureichendem Raum für Impulse und Kritik der Studierenden. Die Veranstaltung haben fünf Dozierende untereinander aufgeteilt. Da alle Dozierenden das Seminar zusammen veranstalteten, gab es keine alternativen Angebote mit präsenter, hybrider oder synchroner Vorgehensweise. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine Kooperation, da sich die einzelnen Präsentationen nicht aufeinander bezogen haben und somit kein Raum für eine übergreifende Reflexion gegeben wurde. Es war nicht möglich Kritik oder Fragen direkt an die jeweiligen Referentinnen zu richten, sodass sie ihre Inhalte weder verantworten noch begründen mussten.
Der diskursive und interaktive Charakter eines Seminars ist zentral für die nachhaltige Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten. Der Kontakt zwischen den Studierenden gehört zu unserem Verständnis von universitärer Bildung. Der notwendige Input der Mitstudierenden, um sich nachhaltig und kritisch mit den Thematiken zu beschäftigen, fehlte in dieser Veranstaltung jedoch größtenteils.
Die drei angebotenen synchronen Sitzungen, die der Idee des Austauschs näherkamen, wurden nicht genug ausgebaut. Ausgefallene synchrone Termine wurden nicht nachgeholt und nur wenige Studierende nahmen an den Sitzungen teil. Die unregelmäßige Teilnahme lag nicht an fehlendem Interesse der Studierenden an gemeinsamen Sitzungen, sondern an der Struktur der gesamten Veranstaltung. Durch das asynchrone Format bestand die Teilnahme des Seminars hauptsächlich aus passivem Konsum der Lehrinhalte, was die Rolle der Studierenden als Konsument*innen definierte, die wiederum eine aktive Teilnahme an den wenigen synchronen Sitzungen ausschließt.
Zudem wird durch diese Form der Lehre eine Hierarchie zwischen Lehrenden und Studierenden hergestellt, die keine gemeinsame Seminargestaltung ermöglicht. Diese Hierarchie wird verstärkt, indem die Teilnehmenden stark individualisiert werden und sich nicht als studentische Gemeinschaft verstehen, da die Inhalte auf eine individuelle Erarbeitung ausgelegt wurden.
Die Inhalte der Veranstaltung entsprechen nicht unserem Anspruch an ein universitäres Seminar. So wurde in insgesamt zehn Sitzungen auf YouTube-Videos (Quarks) und Ted Talks zurückgegriffen, wobei diese oftmals nicht ergänzend zur Seminarsitzung eingesetzt wurden, sondern einen Großteil dieser ausgemacht haben. Die vorgestellten Inhalte lehnen zum Teil sehr eng an dem empfohlenen Lehrbuch, sodass der Eindruck entsteht, dass das Anschauen einiger Präsentationen keinen eindeutigen Mehrwert bietet. Kontroverse Inhalte und Positionen wurden nicht als solche dargestellt oder kritisch eingeordnet. Entsprechend dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit fehlte häufig die Darstellung des wissenschaftlichen Diskurses. Hier wird die Notwendigkeit der Möglichkeit zur Diskussion deutlich, damit die vorgestellten Erklärungsansätze und Modelle nicht alternativlos wirken.
Abschließend möchten wir darauf hinweisen, dass wir die Bearbeitung des Portfolios als nicht ausreichend für eine tiefere Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten ansehen. Das Format müsste für eine kritische Auseinandersetzung mit den Themen deutlich offener sein und keine geschlossenen Fragen beinhalten, die rein auf die Reproduktion von Inhalten zielen. Aufgrund des derzeitigen Formats stellt sich uns die Frage, ob das Portfolio lediglich zur Abfrage dient, ob die Präsentationen angeschaut wurden. Die Aufgaben waren darauf ausgelegt, die Fragen allein zu beantworten statt Inhalte gemeinsam zu erarbeiten und zu diskutieren, wodurch die Studierenden noch weiter individualisiert wurden. Uns wurde aktiv der Eindruck vermittelt, dass der Fokus der Veranstaltung auf dem Bestehen des Portfolios liegt, welches ohne gemeinsame Aushandlung als Studienleistung festgelegt wurde. Universitäre Lehre sollte sich jedoch nicht um das Bestehen von Studienleistungen drehen, sondern um den Bildungsprozess der Studierenden im Sinne des Leitbilds universitärer Lehre der Universität Hamburg:
„Das schließt die Aufgabe ein, alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Studierenden hohe wissenschaftliche Kompetenz erwerben, ihre Fähigkeiten selbsttätig entfalten und sich als mündige Mitglieder der Gesellschaft weiterentwickeln können, die bereit und in der Lage sind, an deren sozial und ökologisch nachhaltiger, demokratischer und friedlicher Gestaltung maßgeblich mitzuwirken und für ihre Zukunftsfähigkeit Verantwortung zu übernehmen.“ (https://www.uni-hamburg.de/uhh/profil/leitbild/lehre.html)
Aus den oben genannten Gründen fordern wir, dass in Zukunft keine asynchrone Lehre in unseren Lehrveranstaltungen stattfindet und Seminare nicht als (Ring-)Vorlesungen abgehalten werden. Studienleistungen müssen gemeinsam im Seminar ausgehandelt werden, um Studierenden zu ermöglichen, ein passendes Format für den eigenen Bildungsprozess zu finden. Wir wünschen uns, dass wir durch diesen Brief den Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden anregen, um die Frage zu klären, welches Bildungsverständnis wir an dieser Fakultät der Erziehungswissenschaft haben und wie wir dieses in Lehrveranstaltungen gemeinsam umsetzen können.
In Erwartung einer gemeinsamen Weiterentwicklung,
Lena Krethlow
Luisa Paul
Josefine Teicke
Antonia Walberg
Sophia Gumpert
Luise Liebald
Felix Wendeburg
Tina Bahr
Ertuğrul Akkaya
Kristina Mücke
Rossio Tecedeiro
Jan Mozdzanowski
Letizia Steinort
Helene Fuchs
Michelle Kröger
Emelie Kölker
Jule Caesar
Jasmin Hakobjan
András-Peter Liedtke
Lorena Graf
Lina Hummel
Delia Fleckenstein
Philip Rudolph
Hendrik Müller
Franziska Quast
Mariel Seitz
Sandra Scibisz
Jona Farnow
Helen Vogel
Isabell Rehder
Noah Horn
Anne Watzek
Zoe Sostmann
Alexander Henzler
Svenja Horn
Isabel Lorenz
Annina Bach

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